Wiederverkörperung und Schicksal im Alltag

1. Teil

Das Tor der Geburt,
das Tor des To­des

Was ge­schieht, wenn man davon ausgeht, daß die menschliche Exi­stenz mit der Ge­burt (oder der Zeu­gung) be­ginnt und mit dem Tode endet. Dazu zwei Lebensläufe:

Als M. auf die Welt kommt, ist sein Vater schon lange auf und davon. Seine Mutter, er ist ihr siebtes Kind, verlässt das Krankenhaus in einer Grossstadt im ehemaligen Ostblock sobald sie kann, ohne ihn mitzunehmen. M. kommt nun in ein Säuglingsheim zu vielen anderen Leidensgenossen. Das Personal dieses Heimes ist völlig überfordert. Das Milchfläschchen wird ihm nur ins Bett gelegt, lernt er nicht schnell, daran zu saugen, wird er nicht mehr lange leben. Drei Jahre bleibt er in diesem Heim, schliesslich darf er eine Stunde pro Tag aufstehen. Der Arzt bescheinigt ihm einen psychomotrischen Entwicklungsgrad von 30% eines normalen Kindes. Dann kommt er in ein Heim, in dem er bis zum Schuleintritt bleiben soll. Jetzt darf er zwar herumlaufen, aber das Heim, ein ehemaliges Justizgebäude in einer Kleinstatt, dürfen die Kinder nicht verlassen, weil die Bevölkerung sich dagegen wehrt.

So fanden ihn seine neuen Eltern in dem Heim: Ein viereinhalbjähriges Häuflein Elend! ‑ Jetzt lebt er in der Schweiz: und ist ein kerngesundes Goldstück voller Pfiffigkeit und Phantasie….

Aber die Geschichte hätte auch so weitergehen können, wie für viele seiner Leidens­genossen:

Hospitalismus-geschädigt, ungeliebt, verlassen sie das letzte der Heime und landen im besten Falle im Schwarzhandel, normalerweise jedoch in Kriminalität und Prostitution.

Wenn die Existenz doch erst mit der Zeu­gung beginnt, stellt sich dann nicht notwendig die Frage:

–    Womit haben die Beiden ein so verschiedenes Schicksal  verdient?

Wenn die Existenz des Menschen erst mit seinem Leben auf der Welt be­ginnt, ist es dann nicht unge­recht, wenn der eine am Rande der Gesellschaft über­leben muß, wäh­rend der an­dere in ihrer Mitte getra­gen wird?

Sind das Fragen, die man als Mensch nicht stellen darf, weil es in Gottes Hand liegt, welche Fü­gung ein Leben bekommt? Aber das Problem wird dadurch nicht anders, daß man das Fragen verbietet. Wollte denn Gott wirklich einen unmündigen Men­schen als Krone seiner Schöpfung schaf­fen, dem er die Er­kennt­nis dieser gött­lichen Welt verbie­tet?

Betrachten wir nun das andere „Ende“: Wenn man sein Leben hinter sich hat und seiner Umgebung wegen körperlicher und seelischer Gebrechen beginnt zur Last zu fallen, ist es da nicht besser ‑ wie holländische Politiker in Erwägung zogen ‑ jedem Menschen über siebzig die „Todespille“ zur Verfügung zu stellen?

–    Wenn nun sein Tod auch seine Exi­stenz beenden würde, wäre doch sein Leben im hohen Alter ganz sinnlos.

Wäre es nicht bes­ser, er fiele seiner Umwelt nicht zur Last und stürbe ein­fach, wenn seine Kräfte ihn ver­las­sen?

Etwa im Sinne des Baccalaureus im Faust:
Bacc.:          Gewiss! das Alter ist ein schleichend Fieber
Im Frost von grillenhafter Not
Hat einer dreissig Jahr vorüber
So ist er schon so gut wie tot.
Am besten wärs, euch zeitig totzuschlagen.
Mephisto:    Der Teufel hat hier weiter nichts zu sagen.

Wenn wir die menschliche Existenz mit der Geburt oder Zeugung beginnen las­sen, wird das Leben un­ge­recht, wenn wir sie mit dem Tod en­den lassen, wird das Le­ben sinnlos.

–    Aber endet die Existenz mit dem Tode?

Nun die Frage wird wohl jeder reli­giös ge­stimmte Mensch verneinen, aber wie können wir si­cher sein, ob die re­ligiöse Überliefe­rung wirk­lich die Wahr­heit sagt.

–    Kann man sich auch als ungläubiger Thomas über diese Frage einen Weg bahnen, der zu An­worten führt?

Der ersten Frage – nach der Existenz vor der Ge­burt – ist man si­cher viel eher bereit, eine ab­schlägige Antwort zu erteilen, denn da gibt es ja nicht einmal eine all­gemeine re­ligiöse Überlie­ferung.

Schicksalsereignisse

Wohl in jedem Leben lassen sich Schicksalser­eignisse finden, bei denen man den Eindruck haben kann: «Wenn ich wählen darf, dann – wenn es mög­lich ist, – bitte nicht noch einmal! Aber es war doch gut, daß es geschehen ist. Wenn ich das nicht durch­ge­macht hätte, wäre ich nicht der, der ich heute bin.»

Zur Illustration ein Erlebnis aus mei­nem Leben:

Als ich 14 Jahre alt war, hatte ich mir einen Oszillographen ge­baut. (Eine Art Fern­se­her, der an­stelle der Bilder elektri­sche Schwin­gun­gen auf seiner Bildröhre dar­stellen kann.) Beim Zusam­men­schrauben mußte das Gerät umgedreht werden und dabei passierte es: ich bekam einen solchen elektri­schen Schlag, daß der Strom von der einen Hand über meinen Arm  durch den Brust­korb und das Herz zur an­de­ren Hand floß. Die Mus­keln verkrampf­ten sich: Ich konnte das Gerät nicht fal­len las­sen: Der Strom floß immer weiter. Glücklicher Weise konnte ich noch aufstehen und eine schnelle Drehung ma­chen, so­daß das Gerät aus mei­nen Händen flog… Ein schwerer Elek­troschock mit Herzflimmern, und Angst­vorstel­lun­gen waren die Folge.

Erst viel später ging mir der Sinn dieses Schick­sal­schla­ges auf – wenig­stens an­fänglich: Ich war da­mals ein glü­hender Verehrer der Phy­sik und ihres materiali­sti­schen Weltbildes. Meine Mutter erzählte mir, ich sei plötzlich mit Fragen wie: «Warum ist das eigent­lich alles so…?» an sie heran­getreten.

Offenbar hatte der Schock meine so festgefügte Vorstellungswelt gründ­lich erschüttert und Schichten der Weltempfindung freigelegt, die mir frü­her un­zugänglich waren. Der Schock hatte dabei wohl die Aufgabe eines Auslö­sers. Heute bin ich über diesen wohl not­wendigen Schock als Auslöser froh, – aber, bitte nicht noch ein­mal!

Ähnliche Situationen sind wahr­scheinlich zunächst leichter in der fer­neren Ver­gan­genheit zu fin­den, sind wir doch mit den kürzlich «erteilten» Schlä­gen oft noch zu sehr ver­bunden, als daß wir schon gelassen auf sie blic­ken könn­ten.

An diesem Punkt unserer Betrach­tungen stellen sich zwei Fragen:

–    Haben alle Ereignisse einen entwick­lungsbe­stimmen­dem Einfluß?

–    Woher weiß das Schicksal, was für mich gut ist?

Gehen wir noch einen Schritt zurück und fra­gen uns:

–   Wie kam es zu dem Er­eignis?

Das läßt sich bei man­chen Er­eig­nissen gut sagen, bei an­deren weni­ger. Dennoch möchte ich an einem Bei­spiel schil­dern, was sich bei den meisten Schicksalssituatio­nen – mehr oder we­niger ver­bor­gen – auf­finden läßt.

Nach meiner Schulzeit wollte ich unbedingt sozial tätig wer­den. Ich erhielt Gelegenheit zur Mitarbeit in einer soeben von der Universität ein­gerichteten Bera­tungstelle für Drogenab­hängige und Dissoziale. Vorher mußte ich al­lerdings erst in einem kleineren Behör­denkrieg darum kämpfen,  diese Stelle zu be­kommen.

Ich hatte Nachtdienst als einer der Jugendli­chen die Nerven verlor, weil er seinen Mantel in einem Lokal ver­wech­selt hatte. Er hatte dadurch keinen «Stoff» mehr. Er be­gann nun die Räume zu de­mo­lieren. Da ich al­lein Nacht­dienst hatte, mußte ich – der ich kaum äl­ter war als er – die Polizei an­ru­fen und ihn in die be­nach­barte Ner­venklinik einliefern las­sen. Allerdings kam die Poli­zei erst nach 20 Minuten! Wie man sich leicht den­ken kann, ging er auch nicht freiwillig mit, so­daß er von den Polizisten kampfunfähig «gemacht» wurde, um es gelinde auszudrüc­ken. Das letzte, was er mir zubrüllte war: «Ich schlag dich tot, wenn ich wie­der heraus­komme!». Ich habe die Nacht nicht mehr ge­schla­fen und ihn dann mor­gens aus der Ner­venklinik abgeholt….

Als dann in einer weiteren Nacht – ich hatte wieder allein Nachtdienst – die Stereoanlage ge­stohlen wurde, und mir morgens ein Jugend­licher andeutete, ich wäre jetzt wohl nicht mehr so «bei­einander», wenn ich letzte Nacht aufge­taucht wäre…, ent­schloß ich mich, die Stelle zu wech­seln.

Ich hatte nun alles unternommen, um diese für mich sehr unangen­hme Erfahrung machen zu müssen, wie anders die Wirklichkeit ist, als ich sie mir vorstellte. Und dies gilt sowohl im Hinblick auf jene Welt, die mir bis dahin verschlos­sen war, als auch auf die mir zur Verfügung stehenden Kräfte und Fähigkei­ten. Ich erlebte meine Grenzen und verlor Illusionen.

Spüren wir nachträglich ein solches Ereignis nocheinmal ab, so kann deut­lich werden, daß hier et­was in unser Le­ben eingreift, das uns näher zu uns selbst führen will, uns reifer werden läßt. Ein Stück weit sind wir dem, was der Mensch dereinst werden kann, nä­her gerückt. Mit anderen Worten: Ideale, in jugendli­cher Begeisterung gebildet, werden revidiert, geklärt, ausgestaltet, reicher und realistischer.

Gehört mein Schicksal zu mir?

Ich möchte nun eine Frage. die mir in vielen Gesprä­chen bisher mit nein beant­wor­tet wurde. Die Frage lautet:

–    Würden Sie Ihr Schicksal mit dem Schicksal eines anderen Menschen tauschen wollen?

Also die Frage lautet nicht: Können Sie sich vor­stel­len, daß jemand Anderes mit ei­nem an­de­ren Men­schen sein Schicksal tauscht, sodern ob Sie Ihr ur­ei­genes Schicksal mit allen Konse­quen­zen mit dem ei­nes anderen Menschen tau­schen wol­len. Das heißt: Man würde dann also fernerhin nicht mehr die Er­eig­nisse durch­ma­chen, die man ohne den Tausch durch­ge­macht hätte, son­dern alle Freu­den und Lei­den des ande­ren Men­schen übernehmen.

Zur Erläuterung dieser Situation kann viel­leicht die fol­gende Parabel helfen:

Ein Mensch im Himmel

Ein Mensch kommt mit seinem Kreuz bela­den zum Him­mel. Er klopft an das Himmelstor und Pe­trus öff­net ihm. Der Mensch wartet gar nicht ab, ob er von Petrus gefragt werde, son­dern ruft gleich: «Petrus, Petrus, mein Kreuz ist mir zu schwer! Ich muß ein anderes haben». Pe­trus ant­wor­tet nicht, führt ihn aber in den Gar­ten der Kreuze. Der Mensch weiß nun, daß er die­sen Gar­ten nicht ohne ein Kreuz ver­lassen darf. Er prüft also genau, denn er muß damit ja in sei­nem wei­te­ren Leben zurecht kommen. Die Menge der Kreuze ist groß: Es gibt da Holz­kreuze, Ei­sen­kreuze, Stein­kreuze. Kreuze mit langem Querbal­ken, Kreuze mit mehreren Querbalken, bei eini­gen ist ein Ende länger als das andere, bei wieder anderen ist der  Quer­bal­ken nicht rich­tig fest, usw.  Der Mensch prüft also in der un­ge­heuren Menge der Kreuze gründlich. Mit den al­ler­mei­sten ist er nicht zufrie­den. Lediglich eines sagt ihm zu, al­lerdings hat er das Ge­fühl, daß es doch auch reichlich schwer sei, im­merhin schien es ihm seiner wür­dig. Er nimmt also die­ses Kreuz im Wis­sen, daß es eine an­strenge­den Aufgabe wer­den würde, und kommt zu Petrus zurück an das Himmel­stor, glücklich lächelnd, fast etwas stolz, geht er an Petrus vorbei. Pe­trus aber schweigt wei­terhin und schaut ihn ernst et­was mit dem Kopf nic­kend an und schließt hinter ihm das Tor. Der Mensch wundert sich nun aber doch über den schweigsamen Türhüter. Un­ter die­sen Ge­dan­ken be­trachtet er das Kreuz ge­nauer. Es war das glei­che Kreuz, daß er mitge­bracht hatte: Sein eige­nes.

Mein Schicksal und Ich

Wenn wir nicht bereit sind unser Schicksal mit je­mand anderem zu tau­schen, dann müssen wir wohl ein be­sonderes unverwechselbares Ver­hältnis zum Schicksal haben. Es ist wie ein Teil von uns selbst. Et­was, das uns in Si­tua­tionen führt, die zu Prü­fungen werden können und uns – ob durch Bestehen oder Scheitern – erziehen. Auch das Scheitern kann uns weiter helfen, wenn wir uns dadurch wahrhaftiger ken­nen­lernen, und wir die Kraft finden, uns um die Verwirk­lichung des Menschenbildes zu bemühen, das wir als Ideal in uns tragen können.

Wieder kommen wir zu weiteren Fra­gen:

–    Wie zieht das Schicksal die Ereig­nisse her­bei?

    Wie weiß das Schicksal, was für mich gut ist?

Wir wollen sehen, ob sich beide Fra­gen durch Be­obach­tungen im Alltag beant­wor­ten lassen.

«Technik» des Schicksals

Betrachten wir zwei Lebenssituatio­nen, die – leider – recht oft vorkom­men:

Mir ist es häufig passiert, daß ich eines Ta­ges von je­manden angesprochen wurde: «Mein Lie­ber: Ent­schuldi­gung, aber du soll­test endlich damit aufhören, daß du im­mer …» und nun kommt eine Eigenschaft, die ich mir tatsächlich abgewöh­nen sollte. Das Über­ra­schende ist aber, daß am gleichen Tag, mit fast den glei­chen Wor­ten mich auch noch ein Ande­rer an­spricht und mich auf den glei­chen Fehler hin­weist. Die Bei­den kannten sich jedoch nicht. Sie hatten sich also nicht verabredet.

–    Wie kann es zu diesen nicht so seltenen Zu­sammentreffen kom­men?

Ich bin mit jemandem im Ge­spräch und lasse ganz beiläufig eine Bemer­kung fal­len, von der ich dann aber feststellen muss, daß sie meinen Ge­sprächspartner zu­tiefst verletzt. Ich ahnte gar nicht, das ich ihn damit der­art tref­fen würde. Ich hätte es ihm doch sonst nicht gesagt! Alle Versu­che, es wieder gutzuma­chen, schla­gen ziemlich fehl: Er ist ge­troffen.

–    Wie kann das sein, daß ich meinen Gespräch­spartner derart verletze, obwohl ich ihn doch gar nicht gut kenne?

An dieser Stelle möchte ich einen «Pro­bege­danken» anbieten, einen Ge­dan­ken, den man auf die Probe stellen möge, ob er zutrifft. Kann er Klarheit in das ei­gene Leben bringen? Dann kann man ihn sicher weiter prüfen.  Er sei in folgende Fragen gekleidet:

–    Könnte es sein, daß ich gewöhnlich von mir nur im Be­wußtsein habe, was in mei­nem Leib steckt, – daß das aber noch nicht alles ist?

–    Könnte es nicht sein, daß ein Teil von mir auch ausser­halb meines Leibes in mei­ner Umgebung lebt? (Las­sen wir zunächst noch ganz offen, wie wir den Teil nen­nen wollen.)

Unter dieser Voraussetzung könnte man die bei­den eben be­schriebenen Situatio­nen so ver­ste­hen: Ich – in einem un­bewußten Teil – bin es selbst, der sich mit Hilfe der beiden anderen Men­schen die Verhaltenskorrektur zu­fügt. Und umge­kehrt, der an­dere braucht mich, um sich etwas klar zu ma­chen; da es stimmt, was er sich mit meiner Hilfe selbst sagt, fühlt er sich  so getroffen, und ist mir des­halb oft be­son­ders böse, weil er meint, ich wollte ihn verletzen. Es könnte also sein, daß wir nur zum Teil ein Bewußtsein von uns selbst haben: Der andere Teil lebt in unserer ­Umge­bung und zieht die Er­eignisse her­bei, die uns treffen.

Die nebensächlichen Ereignisse des All­tags zei­gen, daß ich mich beson­ders über das am Ande­ren är­gere, was ich bei mir selbst noch nicht in Ordnung ge­bracht habe. Da wo ich et­was bei mir selbst geordnet  habe, da werde ich An­de­ren ge­genüber wieder großzügig: Ich weiß nun wie schwer es ist, diesen Fehler zu überwin­den. Aber da, wo mir das noch nicht gelungen ist: oh, der arme Betrof­fene, er be­kommt den Ärger, den ich eigent­lich über mich habe, noch gleich mit ab! (Deshalb habe ich mir zur Regel ge­macht: Wenn ich mich über irgend et­was au­ßerge­wöhn­lich aufrege, mich zu fra­gen, ob ich mich nicht besser in die­ser Sache über mich aufregen sollte.) Überhaupt kann die Frage, warum pas­siert ge­rade mir das, sehr fruchtbar für die Selbsterkenntnis werden. Insbeson­dere in Situationen, in denen man ob­jek­tiv ungerecht behandelt wird. Sagen wir etwa, man wird belogen. Na­türlich muß man der Lüge ent­gegentreten und sie kor­rigieren usw. Aber ge­rade da kann man sich doch fra­gen:

–    Warum trifft es ge­rade mich?

–    Was will mir das sagen?

Auf diese Weise kann man eine Art partner­schaftli­ches Verhältnis zu sei­nem Schicksal gewinnen. Es ist wie ein Gespräch zwi­schen Lehrer und Schü­ler. Der Leh­rer handelt zwar (die Ereignisse tre­ten ein), er ant­wortet mir aber nur, wenn ich ihm Fragen stelle. Und wenn es mir gelingt, – früher oder später – durch sol­ches Fra­gen mich an den Sinn eines Er­eignisses heranzuta­sten, dann wird dieses Ge­spräch immer in­tensiver.

Aber auch das Gegenteil ist möglich: Ich kann mich ge­gen mein Schicksal betäu­ben. Eine grobe Form der Be­täu­bung ist die Droge (Alkohol, Rauschmittel, Fern­se­hen) viel ge­fährli­cher aber ist die Betäubung, wenn ich meine: Hier liegt ein Irrtum des Schick­sals vor, dies Ereignis trifft den Falschen! Ich will an die­ser Stelle nicht behaup­ten, daß eine solche Situa­tion nie eintre­ten kann – wer kann das schon sa­gen? Aber wenn ich mir das einwenden will, sollte ich sehr auf der Hut sein: Gerade dies Geschehen könnte doch be­sonders für mich be­stimmt sein.

Woher weiß das Schicksal,
was für mich gut ist?

Wenn ich an meine Klassenkamara­den zu­rück­denke, oder auch an Freunde aus der Kind­heit und der spä­teren Zeit, insbesondere solche, mit denen ich gut zusam­menar­beiten konnte, so würde ich gern diese Men­schen wieder­treffen, um zu schauen, wo sie heute stehen und – wenn möglich – mit ihnen wei­terarbei­ten. Aber die Le­bens­wege haben sich ge­trennt. Ich bin aus der Heimatstadt weggezo­gen und habe den Kontakt verloren. Trotzdem bleibt eine Sehn­sucht, ir­gendwie am Begon­nenen weiter­zuarbei­ten, be­ste­hen.

Aber auch zu Menschen, an denen wir schul­dig wer­den, kann eine solche Sehn­sucht entste­hen: Neh­men wir an, je­mand ist für einen Mo­ment im Ver­kehr unauf­merk­sam und überfährt einen an­deren. Dieser stirbt an den Folgen sei­ner Verletzung. Wenn dieser Autofahrer nun kein ober­flächli­cher Mensch ist, so kann er starke Schuldgefühle bekom­men. Es kann sich der starke Wunsch entfalten, das ir­gendwie wie­der gut zu ma­chen. Aber wie soll er?

Vor einigen Jahren fuhr ich mit meiner Frau von Konstanz nach einem Vortrag nach Hause. Es war im Winter bei ein­setzendem Schneetrei­ben, da sahen wir auf der anderen Strassen­seite ein Auto – Warnblinker in Betrieb – mit vier, bei der nächtlichen Beleuchtung, finsteren Gestal­ten. Obwohl meine Frau sagte: Du, die sehen unheim­lich aus, hielt ich an und erkun­digte mich, was denn sei. Die Vermutung war: Kein Benzin. Ich holte also mei­nen Reser­veka­nister heraus setzte den Einfüllstutzen auf und füllte ein… Die «finsteren Ge­stal­ten», die bei ge­nauerem Hinse­hen ganz nett waren, bestanden darauf, daß ich 5 SFr. für die 5 Liter Benzin nehme. Als der Wa­gen dann immer noch nicht an­sprang, empfahl ich, die Zünd­kerzen zu über­prü­fen; ich müsse jetzt je­doch wieder weiter, es seien noch 200 Km zu fah­ren. Im Rückspiegel sah ich, wie sie ihr Auto in den näch­sten Ort schie­ben mußten. In der näch­sten Woche sagte mir meine Frau nach dem Tan­ken: «Der Reser­vekanister war übri­gens voll!» Das durfte doch nicht wahr sein: Ich hatte eine Gummi­dich­tung beim Einfül­len über­sehen, da­durch hatten die Vier nicht nur kein Ben­zin erhal­ten, son­dern ga­ben mir noch 5 SFr. dafür, daß sie ihren Wagen in den nächsten Ort schieben muß­ten… Das würde ich gern in Ordnung bringen. Aber wie soll ich sie wiederfin­den? (Vielleicht liest ja einer von ihnen dies Büch­lein.)

Solchen Stimmungen kann man im­mer häufi­ger be­geg­nen, wenn man dar­auf zu ach­ten beginnt. Schon während des Lebens findet man in sich Anla­gen, mit anderen Men­schen wieder zu­sam­men zu kommen. Wir wollen nun nach einer Zwischenbe­trachtrung se­hen, wie sich diese Sehn­sucht nach dem Tode aus­nimmt.

Zusammenfassung

Wir begannen damit, uns auszutau­schen über die Frage: Was passiert, wenn man das Tor des Todes und das Tor der Geburt zuschlägt. Und eine Antwort war, daß das Leben sinnlos und un­gerecht wird. Damit das nicht die einzig mög­liche Lebens­an­schau­ung bleibt, haben wir dann gemeinsam be­gon­nen, ver­schie­dene Er­leb­nisse zu betrach­ten.

So kann man nun Erlebnisse finden, von denen man sa­gen kann: «Bitte nicht noch einmal, aber es war doch gut, daß es passiert ist. Ich wäre sonst nicht der der ich jetzt bin. Und was das Er­lebnis aus mir ge­macht hat, das kann ich be­jahen.»

Weiter scheint es auch, als ob wir unsere Schick­sal­ser­eig­nisse (unbe­wußt) aufsu­chen, als ob wir gar man­ches – ohne das ganz zu wissen – in Be­wegung set­zen, um an die Stelle zu kommen, wo es dann «passiert».

Es entstand dann die Frage, ob man sein Schicksal mit dem eines Anderen tau­schen wür­den. Es zweigt sich, daß diese Frage normalerweise verneint wird. Das aber heißt: Wir und unser Schick­sal gehö­ren un­trennbar zusammen.

Um die Art, wie Schicksal sich voll­zieht, ver­stehen zu ler­nen, haben wir zwei Ge­sprächssi­tua­tionen be­trachtet, aus denen sich ergab: Wir leben bewußt innerhalb un­serer Haut, aber gleichzei­tig un­bewußt auch in den an­deren Men­schen. Wir verständigen uns mit uns selbst durch ihre Hilfe.

Ich hoffe, Sie können sehen, daß wir an dem Voll­zug un­seres Schicksals vielmehr betei­ligt sind, als das zunächst schien. Ja, ich gehe so­gar so­weit, zu sagen, daß wir da, wo wir eine Be­tei­li­gung – im weitesten Sinne – ablehnen, wir uns ge­gen unser Schicksal betäu­ben und uns blinder ma­chen als wir sind!

Hinter allem steht aber die schon mehrfach ge­stellte Frage: Woher weiß das Schicksal, was für mich gut ist? Diese Frage läßt sich nur be­antworten, wenn wir un­sere Betrachtung über den Tod hinaus anstellen.

Um die nachtodlichen Ereignisse besser be­schrei­ben zu können, habe ich noch einige See­lenstimmun­gen ange­deutet: Das Bedürfnis mit Menschen wieder zusam­men zu kommen, mit denen man etwas zu tun hatte, im Sin­ne sowohl eines fruchtbaren Zu­sammenarbei­tens als auch eines Wie­dergutmachens.

Welche Zugänge gibt es
zum Leben nach dem Tod ?

Es gibt ganz verschiedene Zugänge zum Leben nach dem Tod:

–    Der Zu­gang, den jeder ir­gendwann haben wird, wenn er stirbt.

–    Die Be­schrei­bungen de­rer, die be­reits klinisch tot waren und reani­miert wur­den.

–    Der Zugang mit den Hilfsmitteln der Hypnose

–    Der gei­steswissen­schaftliche Zu­gang dadurch, das man seine Fä­hig­keiten schult, Geisti­ges wahr­zuneh­men.

–    Der indi­rek­te Zu­gang, der für jeden Men­schen gangbar ist, wenn er be­reit ist, die Erfahrun­gen des All­tags im Lichte der Er­gebnisse der gei­steswis­senschaftli­chen Forschun­gen zu betrach­ten.

Hier versuchen wir diesen letzteren Weg, ein Stück zu gehen. Die beschriebenen Er­fahrungen können uns auf Über­sinnliches hinwei­sen. Wenn ich nun dazu über­gehe, dieses Überinnliche selbst zu beschreiben, so tue ich das in der Hoff­nung, daß man diese Skizzen als Ange­bote auf­faßt, sein Leben unter solchen Ge­sichtspunk­ten zu be­trachten und zu prüfen, ob sich diese Ge­sichtspunkte im eige­nen Le­ben als fruchtbar und ordnend erwei­sen, oder ob sie eher das Leben als chao­tisch oder welt­fremd darstel­len.

Eine große Hilfe im Beschreiben dieses Weges sind die Forschungen Ru­dolf Steiners (1861–1925), dem Begrün­der der An­thropo­sophie. Ihm ver­danken wir Ein­sich­ten in die übersinnli­che Welt und damit die Kenntnis der gei­steswissen­schaftlichen Hintergründe (vgl. seine Bü­cher im Literaturverzeichnis S. 15), und eine ge­naue Be­schrei­bung, wie man diese Einsichten ge­winnt.

Nach dieser Zusammenfassung kön­nen wir nun den beschrittenen Weg fortsetzen und uns der Zeit nach dem Tode zuwenden.

Schlaf und Tod

Zwischen Schlaf und Tod gibt es manche Verwandtschaften. So wird auch gesagt: Der Schlaf ist der kleine Bruder des Todes.

Was kann damit gemeint sein? Be­trachten wir den Schlaf: Tagsüber ge­hen wir un­serem Tage­werk nach und verbrauchen unsere Kräfte. Wir legen uns abends ermat­tet nieder und ver­lie­ren das (Tages)-Bewußt­sein: wir schla­fen ein. Am Morgen wa­chen wir durch den Schlaf – mehr oder weniger – er­quickt wieder auf und setzen unser Ta­ge­werk mit neuen Kräften dort fort, wo wir es am Vor­tage un­terbrochen ha­ben.

Auch im ganzen Leben arbeiten wir an unse­ren Auf­ga­ben und verbrauchen unsere Kräfte. Im Alter sind wir davon ermüdet; wir sterben und verlieren das Tages-Bewußt­sein. Nun verbrin­gen wir eine Zeit zwi­schen Tod und neuer Ge­burt, in der wir unsere Lebens- und Schicksalskräfte erneu­ern, um dann mit einer neuen Geburt wiederum ver­jüngt da fortzusetzen, wo wir früher aufge­hört haben. Allerdings fehlt uns zunächst im Ge­gensatz zum Schlaf die be­wußte Erinnerung an das Begonnene.

Diese Zeit zwischen Tod und neuer Geburt läßt sich nun – auf der Grund­lage der Forschungen Ru­dolf Stei­ners – wie folgt skizzieren:

Nachdem ein Mensch über die Schwelle des To­des ge­gangen ist, hat er – etwa so lange, wie man un­unter­brochen wach sein kann, ca. 3 Tage – sein gan­zes Le­ben wie ein Panorama in Bildern um sich. Et­was, das auch von Men­schen berich­tet wird, die plötz­lich, z.B. durch einen Absturz im Gebirge, an die To­desschwelle kamen. Nach die­ser Zeit, nach der dann auch die Be­stattung statt­findet, lebt der Mensch nun eine Zeit lang (etwa solange wie er im Leben geschla­fen hat, ca. 1/3 der Lebenszeit) in ei­nem Bewusst­sein, das ge­rade die Umkehrung seines gewöhnlichen Be­wußtseins ist. Im normalen Leben loka­lisieren wir uns in­nerhalb unserer Haut, aber  nicht in un­serer Um­ge­bung. Wir haben aber schon gese­hen, daß wir auch ausserhalb unse­rer Haut im Schicksalsvollzug leben, allerdings ohne (gewöhnliches) Bewußtsein (s. S. 5). In der zweiten Phase nach dem Tode, sie wird auch ‚Ka­maloka‘ oder im katho­lischen Be­reich: ‚Fege­feuer‘ ge­nannt, erwacht der Mensch nun in dem Bewußt­sein, das zu Leb­zei­ten für ihn unbe­wußt geblie­ben ist. Jetzt erfährt er seinen Leib (genauer: dessen geistiges Bild) als Aussenwelt und die Umge­bung seines Lei­bes als Innen­welt.

Damit erlebt er nun rückwärts alles, was er wäh­rend des Lebens getan und gelas­sen hat, aber so, daß er jetzt der Empfänger seiner irdi­schen Taten wird. Etwas derb gesagt: Die Wir­kung der Ohrfeige, die er im irdi­schen Leben ei­nem Anderen ver­ab­reichte, erleidet er nun selbst.

Das hat für den Menschen nach dem Tod sehr tief­greifende Fol­gen: Im Angesicht hoher geistiger Wesenhei­ten er­lebt er, wie er war – und wie er hätte sein können. Es ist wohl nicht so, daß vor dem Menschen ein strafen­der Gott steht, der ihm sein Sün­den­register vorliest. Es ist – in ge­wissem Sinne – viel schlim­mer: Der Mensch ist es selbst, der sich im An­ge­sicht der Gottheit beur­teilt und richtet.

Für denjenigen, für den das Christen­tum Bedeu­tung hat, kann man auch sa­gen: Im mil­den Blick des Christus rich­tet sich der Mensch selbst, in­dem er an diesem Mensch­heits­repräsentanten sieht, wie sein Verhalten hätte sein müssen, da­mit er jetzt sich nicht schämen muss, und – wie es tatsächlich war.

Das löst in seiner Seele das tiefe Be­dürfnis aus: Das will ich besser machen! Aus diesen Er­lebnissen entsteht im Laufe der Entwicklung zwischen Tod und neuer Geburt der starke Wunsch, sich wieder auf der Erde zu verkör­pern, mit gerade den Menschen zusammen, mit denen man zu tun hatte, um wie­der gut zu ma­chen, aber auch um weiterzu­arbei­ten an der eigenen Ent­wicklung und, wo mög­lich an der Men­schheitskultur.

So wird der Mensch selber Urheber seines Schick­sals. Er gibt selbst die Vorgaben für die Er­eignisse, die er im näch­sten Leben suchen will. Selbstver­ständ­lich gehört zur Aus­gestaltung des Schicksals eine viel hö­here Weisheit, als uns Menschen mög­lich ist. Die An­ordnung und «Koordination» der Schicksale der ver­schiedenen Men­schen einer Schick­salsge­mein­schaft ob­liegt nun hoch entwickelten geistigen Wesen. Wir Menschen hätten z.B. gar nicht den Überblick, ge­schweige denn die Kraft, die es zur Verwirkli­chung der Schicksalsströme braucht. Aber es ist an uns, die Keim­punkte und Zielrich­tungen zu setzen, an die die Tä­tig­keit hö­herer Wesen anknüpft.

Da wir unser Schicksal in diesem Sinne zwi­schen Tod und neuer Geburt selbst bestimmen, wird zugleich auch verständlich, warum wir ein so enges Ver­hältnis zu ihm ha­ben und weshalb das Schicksal «so ge­nau weiß», was für uns gut ist.

Es werden damit die Taten des letz­ten Le­bens – im Guten wie im Bösen – die Keime für die Schicksal­ser­eignisse des nächsten Lebens.

Vielleicht entsteht nun doch die Frage: Muß ich darüber überhaupt etwas wis­sen?

Schließlich ist das Le­ben doch bis­her über Jahr­tau­sende auch ohne die­ses Wis­sen ausge­kommen.

Wel­che konkrete Hilfe in dem Wissen um wie­derholte Er­denle­ben liegen kann, möchte ich Ihnen an einem Bei­spiel demonstrie­ren.

Mönch und Ketzer
Ein Beispiel

Im Mittelalter – noch vor der Scholastik – lebte ein Mönch und ein Ketzer. Der Mönch wurde auf­gefor­dert, die ansäs­sigen Bischöfe durch seine Predigt zu unter­stützen, da er für seine Wort­ge­walt sehr be­kannt war. So zog der Mönch in die Gegend des Ket­zers, der schon eine an­sehnli­che Schar um sich ge­sammelt hatte. Die Lehren des Ketzers waren aus der Sicht des Mön­ches gott­los: Sie leugne­ten die Not­wendigkeit der Sakra­mente, den Sinn des alten Te­sta­mentes und die Wirklichkeit des Kreuzes. Der Ket­zer brand­markte die Verweltli­chung der Kirche und sprach ihr jedes Recht ab, die Nachfolge des Pe­trus fortsetzen zu können. Für ihn war der Chri­stus ein hohes Sonnenwe­sen, das nie die Schmach eines Kreuzestodes auf sich genom­men haben konnte. Er empfand das als ganz und gar got­tun­würdig. Er wollte mit seinen Gesin­nungs­brüdern in mög­lichster Rein­heit leben. Armut und Keuschheit wa­ren Grund­pfeiler ihrer praktischen Lehre.

Der Mönch seinerseits hat den Ketzer per­sön­lich nie kennen gelernt, er hat den kirchli­chen Be­richten über ihn vertraut und dar­auf hin begon­nen, gegen ihn zu predigen. Etwa so: «Hier habe ich Brote, ich werde sie jetzt weihen, wenn die Kranken davon essen und gesund werden, dann sind die Lehren des Ketzers Irr­leh­ren.» Ein dabei stehender Bischof wollte sicher­heitshalber ein­flechten: «Wenn die Kranken im Glau­ben essen.» – wohl um bei einem Schei­tern dem Mönch das Ansehen zu wahren. Der aber wider­sprach: «Nein, je­der, der ißt wird ge­sund werden». Die Wir­kung war gewaltig. Die Leute bekehrten sich auch bevor die Menschen ge­sund wurden.

Der Ketzer mußte fliehen, wurde schließlich aber doch gefangen genommen und verbüßte eine le­benslängliche Haft.

Sieben Jahre nach dieser Zeit stirbt der Mönch und er­lebt nun in der Zeit zwischen Tod und neuer Ge­burt, daß er durch seine Pre­digten, den Ketzer an der Ver­wirklichung seiner Ziele ge­hindert hat. Die Ziele waren von den seinen gar nicht so verschieden. Und er erlebt auch, daß er ihn be­kämpft hat, auf Grund von Darstel­lungen, die nicht genügend der Wirklichkeit ent­spra­chen.

Im nächsten Leben treffen die beiden sich wieder. Der Ketzer ist jetzt als Frau verkörpert, der Mönch nocheinmal als Mann. Sie tref­fen sich in einem Be­trieb wieder, indem nun der Ketzer der Vorge­setzte des Mönches ist. Der Mönch hat das Anlie­gen – als Folge seiner nachtodli­chen Erlebnisse – al­les zu tun, damit der Ketzer dies­mal seine Ziele er­reicht.

Der ehemalige Ketzer seinerseits begegnet dem ehemaligen Mönch mit ausge­sprochener Zurückhal­tung, das lieb­ste wäre ihm gewe­sen, der Mönch hätte den Be­trieb nach kur­zer Zeit wieder verlassen. Der aber blieb. und alles, was er für seine Vorge­setzte un­ternahm, be­trachtete diese so mißtrauisch, als ob es sich gegen sie richtete. Es kam, wie es in sol­chen Fällen oft kommt: Die bei­den hatten sich nach kurzer Zeit gründlich verkracht. Der Mönch war nicht bereit hinzunehmen, daß ihm alles, was er für den Ket­zer tat, ins Gegenteil verkehrt wurde.

Da beide aber von der Tatsache der wie­der­holten Erden­leben überzeugt waren, bekam der Mönch nicht, wie man vielleicht erwar­ten könnte, eine Kün­digung, sondern beide gingen davon aus, daß sie hier eine gemeinsame Auf­gabe hät­ten, etwas aus der Vergan­genheit, das sie jedoch kaum ahnten, wieder in Ordnung zu bringen. So begann aus diesem Ent­schluß eine mehr und mehr fruchtbar werdende Zu­sam­menarbeit der Beiden. Nach sieben Jahren starb diesmal der Ketzer.

Dieses Beispiel kann vielleicht deut­lich machen, daß schon das blosse Wis­sen um die Tatsa­che der wiederholten Erden­leben lebensge­staltend den All­tag prägen kann. Welche Perspekti­ven sich weiter daraus ergeben können, möchte ich im zweiten Teil dieses Büch­leins mit Ihnen betrach­ten.

Den Schluß des ersten Teiles soll ein Epi­taph bilden, das Benjamin Franklin, der Staatsmann und Erfinder des Blitzablei­ters, als drei­und­zwanzig-jäh­ri­ger, er war da­mals Buch­drucker, als seine Grab­steininschrift dachte:

Hier ruht der Leib des Buchdruckers

Benjamin Franklin

als Speise für die Würmer
gleich dem Deckel eines alten Buches,
aus dem der Inhalt herausgenommen
und das seiner Inschrift und Vergoldung be­raubt ist.
Doch das Werk selbst wird nicht verlo­ren sein,
sondern dermalen einst wiedererschei­nen
in einer neueren schöneren Ausgabe,
durchgesehen und verbessert
durch den Verfasser.

Zweiter Teil

Im ersten Teil haben wir betrachtet, wie man in Erlebnissen des alltäglichen Lebens Erfahrungen aufsuchen kann, die auf die Wirklichkeit der wiederholten Erdenleben weisen können.

Im folgenden zweiten Teil wird nun nicht mehr ein Thema entwickelt, sondern ich möchte Fragen be­handeln, die mir immer wieder in öffentlichen Veran­staltungen gestellt wurden.

Wiederverkörperung und Bibel

Beginnen wir mit der Frage:

–    Warum erzählt die Bi­bel nichts von den wiederhol­ten Erdenle­ben?

Diese Frage stellte mir ein evan­ge­li­scher Pfarrer in einer Aussprache. Ich antwor­tete ihm, daß doch z.B. bei Matthäus (11,14) steht: «Und (so ihr’s wollt anneh­men) er (Johannes der Täu­fer) ist Elia, der da soll zu­künftig sein.» oder bei der Verklä­rung auf dem Berge (Matth. 17,10–13): «Was sagen denn die Schriftgelehr­ten, Elia müsse zuvor kommen? Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Elia soll ja zuvor ­kommen und alles zurecht­bringen. Doch ich sage euch: Es ist Elia schon ge­kommen, und sie ha­ben ihn nicht erkannt, sondern sie haben an ihm getan, was sie wollten… Da ver­stan­den die Jünger, daß er von Jo­hannes dem Täufer zu ih­nen geredet hatte.» Nun hat sich Rudolf Steiner  mit dieser Frage beschäftigt, und auf­grund seiner über­sinnlichen For­schun­gen bestätigt, daß in Elias und in Jo­hannes die gleiche Indivi­dualität lebt. Die Antwort des Pfarrers: «Das ist nicht so verwunder­lich, denn Elia ist nicht gestorben, son­dern entrückt wor­den, damit kann er auch wieder­kehren.» Tatsäch­lich sind die letzten Worte des alten Testamentes (Mal. 3,23–24) die Ver­kündigung der Wiederkunft Elias, und bei den Königen (2 Kön 2,11) wird geschildert, wie Elia in einem feurigen Wagen entrückt wird. Es werden so­gar Männer ausge­sandt, die seinen Leich­nam su­chen sollen. Sie finden ihn aber nicht….

Es gibt zwar noch weitere Andeu­tungen im neuen Testament auf die Wiederver­kör­perung, aber sie sind noch weniger eindeutig. Des­halb kann man durchaus sagen: in der Bibel findet sich kein überzeugender Hinweis auf die wiederhol­ten Er­denleben.

Im Gegenteil: Im 9. Kapitel des He­bräerbriefes entwickelt Paulus die Ein­maligkeit des Todes und der Auferste­hung des Christus – eine Darstellung die mit der An­schauung der wiederhol­ten Erden­leben in vollem Einklang steht: Der Tod des Chri­stus auf Gol­ga­tha war ein einmaliges Ereignis. In Je­sus verkör­perte sich der Christus als Sohn Gottes nur dieses eine Mal, nicht vorher und nicht später. Aber Paulus schreibt dann  weiter: (Heb. 9,27) «Und wie es dem Menschen gesetzt ist, ein­mal zu sterben, dann aber das Gericht: so ist Christus einmal geopfert, wegzu­nehmen vieler Sünden; als zweites wird er ohne Sünde erscheinen denen, die ihm nachfolgen, zur Erlö­sung.»

Hier gibt es zwei Möglichkeiten des Verständ­nis­ses: Der Mensch lebt – wie der Christus – nur ein ein­ziges Mal auf der Erde und wartet dann im Himmel auf das Ge­richt. Ein ganz naheliegen­des Verständnis.

Auf dem Boden der Wiederverkörpe­rung und der Betrachtung des Lebens nach dem Tode er­gibt sich aber noch eine weitere Möglichkeit. Das Gericht folgt nach je­dem Sterben: Man stirbt nicht mehrmals, und dann kommt schliesslich das Ge­richt, sondern jedes Leben wird im Anschluß an den Tod ge­richtet, ganz in dem Sinne, wie es im ersten Teil beschrieben ist: Im Blick auf den Christus erlebt man an seinen Ta­ten, wie man hätte sein kön­nen, und wie man ta­tächlich war.

–    Warum aber schweigt die Bibel so gründ­lich über die wiederholten Er­den­leben?

Dazu ein berechtigter Ein­wand, den ein ka­tholi­scher Geistlicher in seinem Vor­trag über Wie­der­ver­kör­perung machte: «Die Lehre von den wiederhol­ten Erdenle­ben ist auch des­halb un­christlich, weil sie die­ses, mein jetziges, einmaliges, beson­deres Le­ben entwer­tet, indem es bloß noch ei­nes unter vielen wird. Ich bräuchte dann mein jet­ziges Le­ben gar nicht ernst zu nehmen, wenn ich noch viele andere durchma­chen muß.» Und diese Ar­gu­mentation kann man sogar noch weiter füh­ren: Der Mensch hätte sich nie so sehr als Ein­zelner erlebt, wenn er sein Leben nicht zwi­schen Geburt und Tod be­grenzt er­lebt hätte. Sind wir doch da­durch erst als Menschen zu Ein­zelper­sön­lichkeiten er­wacht.

Im fernen Osten, etwa im Buddhis­mus, ist das Wis­sen um die wiederhol­ten Er­den­leben er­halten geblie­ben, aber dafür hat dort nicht diese Persön­lich­keitsentwick­lung zum Ein­zelmensch stattgefunden. Damit ist die Einsamkeit der Menschen durch die abendländi­sche Kultur eine viel grössere als in der morgenländischen geworden. Wir erle­ben uns doch mehr und mehr isoliert von allen anderen Menschen. Extrem kann man diese Isolation erleben, wenn man schwer krank ist, oder wenn man gar glaubt, sterben zu müssen. («Jeder stirbt seinen Tod allein.»)

Diese Isolation hat aber auch eine gute Seite: So haben wir uns zur Frei­heit ent­wic­keln können. Denn Freiheit entsteht nicht da, wo Menschen in ihrer Umge­bung ganz geborgen leben. Ge­borgenheit ist eine gute Vorbe­dingung um geistig gesund zu sein. Er­wa­chen aber kann man nur an einem Hinder­nis, das einen von den Ande­ren trennt. Nur so findet man sich selbst und damit den Weg zur Freiheit.

Für einen weiteren Zugang zu dieser Frage sei hier eine kleine Betrachtung über drei Bilder der Bibel eingefügt.

Der Garten – die Wüste – die Stadt

Am Anfang der Bibel steht der Gar­ten, das Pa­ra­dies, in dem die Menschen noch gar nicht von ihrer Umgebung ge­trennt leben: Erst nach dem Sündenfall merken Adam und Eva, daß sie nackt sind. Waren sie das vorher auch und haben es nicht gemerkt? Nein: sie waren mit dem ganzen Garten bekleidet. Der ganze Gar­ten war ihre Hülle.

Nun tratt aber die Schlange auf und verspricht Eva zwei Dinge: Ihr werdet sein wie Gott – und: Ihr werdet wissen von Gut und Böse.

–    Hat die Schlange Eva be­logen?

Nachdem also Eva und Adam vom Baum der Er­kenntnis gegessen haben, werden sie vom Baum des Lebens ge­trennt. Aber sie beginnen wacher zu wer­den: Sie emp­finden sich hüllenlos, nackt, und weiter entdecken sie, daß sie Gottes Gebot übertre­ten ha­ben: Sie tre­ten ein in die Welt von Gut und hier be­son­ders von Böse.

Damit verwirklicht sich die zweite Prophezei­hung der Schlange: «… und wissen von Gut und Böse» (1.Mose 3,5). Aber als Folge davon beginnt nun das Bild der Wüste für die Menscheitsent­wick­lung bestimmend zu werden: Jeder wird mehr und mehr Kenner von Gut und Böse, aber um den Preis, das wir unsere Welt verwüsten. Diese Entwicklung führt den Menschen in die Isolation. er trennt sich von allen anderen und wird «Einsiedler». Gleichzeitig aber wächst auch die Sehnsucht nach dem anderen Menschen. Diese Sehnsucht ist immer schwieriger zu erfüllen, weil auch die Fähigkeit, Erfahrungen zu machen, mehr und mehr verloren geht: Abstraktion von allem wird das unwilkürliche Entwicklungsmotiv.

Wie aber steht es mit der ersten Prophezei­hung – Sein wie Gott? Hier steht nun in der Bibel das dritte Bild: Die Stadt – das neue Jerusalem. War der Garten von Gott geschaffen und dem Menschen geschenkt, so ist die Wüste durch den Menschen entstanden, aber er hat die Wüste nicht gewollt. Den­noch kann er in ihr reif werden, um nach seiner Einsicht zu han­deln. Damit tritt er aber in das Reich der Freiheit ein: Man handelt nicht mehr, weil  Gesetze dies oder jenes vor­schreiben, son­dern weil man die Not­wendigkeit seines Tuns einsie­ht.

Dies ist ganz im paulinischen Sinne gemeint: Das Gesetz ist von Übel (Röm. 7,9): Wir suchen heute keine Gebote, die wir aus Tradition einhalten sollen. Viel­mehr tra­gen wir die Richt­schnur unseres Han­delns in uns: Durch das My­sterium von Golgatha können wir in uns den Chri­stus finden und mit ihm im Ein­klang han­deln. (In die­sem Sinne ist Paulus der er­ste und bedeu­tendste An­archist). Indem wir be­ginnen so zu handeln, erfüllt sich die erste Prophe­zei­hung der Schlange: Ihr werdet sein wie Gott. Denn da, wo der Mensch schöpferisch han­delt, entfaltet er sein göttliches We­sen. (Allerdings ist wohl auch deutlich, daß wir bis­her noch keine sehr be­deu­tenden Götter sind. Aber den Weg dahin können wir alle gehen.)

Das sind die Quellen aus denen die Stadt gebaut wird: Hier wirken Men­schen aus freiem Entschluß zu­sammen, um nach göttli­chem Plan die Stadt auf der Erde zu verwirkli­chen.

Damit wir im Gang durch die Wüste wirklich frei werden können, mußte das Wissen um die wie­derholten Erdenleben verschwinden.  Das ist auch der Grund, wes­halb davon nichts in der Bibel zu finden ist.

–    Aber warum soll gerade jetzt diese Lehre wieder in den Vordergrund treten?

Wenn wir den Zu­stand der abend­ländischen Menschheit be­trachten, dann zeigt sich, daß die Ent­wicklung zu einer Perönlichkeit, die sich von allen Bin­dungen be­freit, in der Gefahr steht, daß der Einzelne das Ver­hältnis zur Welt und zu den an­deren Menschen verliert, daß wir uns in der Wüste völlig verir­ren. Der einseitige Blick auf das Materielle der Sinnes­welt (z.B. in der Naturwissenschaft) hat dazu ge­führt, daß der Mensch in der Welt nur noch als Störfaktor vorkommt. Denn das heutige Wissenschaftsideal ist noch der unbetei­ligte Beobachter. Er will sich nicht mit dem Geschehen verbinden, sondern aus der Distanz (Abstraktion) Fakten sammeln. Dabei gewinnt er die Macht der Technik und verliert sein seelisches Verhältnis zu dem, was er tut. Sein Handeln (und Erkennen) ist nicht mehr naturgemäß, sondern nur noch von der Machbarkeit bestimmt. Damit isoliert er sich aus der Natur und verliert im Blick auf diese «geistentleerte» Natur auch sich selbst, da er in dieser (technisierten) «Natur» nicht mehr vorkommt.

Nun kann der moderne Mensch die­ses Ver­hältnis nur durch eine neue Verbindung mit der geistigen Welt wie­derge­win­nen: Ein Weg ist das Wissen um die wie­derholten Er­den­le­ben, weil hier jeder Ein­zelne seine Verbindung zum anderen Men­schen auf­suchen kann und gleich­zeitig den Zu­gang zur geisti­gen Welt ge­winnt.

Christentum und
wiederhol­te Erdenleben

–    Ist nun die Lehre von den wiederhol­ten Erden­le­ben mit dem Christentum zu ver­ein­baren?

Der Vortrag des bereits erwähnten katholi­schen Geistlichen veranlasste mich in der nachfolgenden Aussprache folgende Frage zu stellen:

«Herr Pfarrer, neh­men wir einmal an, Sie seien gestorben. Sie kommen nun in den Him­mel und finden dort eine Weggabelung: Der eine Weg führt in das Reich der Seeligen. Der andere Weg führt zu­rück zur leidenden Kreatur auf die Erde. Wel­chen Weg werden Sie wäh­len?» Seine Antwort: «Wenn ich mich dann noch so ent­scheide, wie ich mich jetzt entscheide, dann werde ich den Weg wieder zu­rück zur leidenden Krea­tur nehmen, um ihr, so gut ich kann, zu hel­fen.» Ist eine solche Antwort nicht ein starkes Argument für den Sinn wiederholter Erdenle­ben?

Es gibt zwei sehr verschiedene Auf­fassungen der wiederholten Erdenleben und des Schicksals: Eine alttestament­liche Auffassung, die im «Auge um Auge – Zahn um Zahn» (2.Mos. 21,24) das un­ausweichliche Walten des Schicksals «bis in das dritte und vierte Glied» (2.Mos. 20,5) sieht, das unerbitt­liche Sühnen der begangenen Fehler. Diese Ansicht kann dazu führen, die Erde so bald wie möglich zu verlassen und sich wenn möglich nie wieder zu verkörpern, sondern im Nirwana, (d.h. in der Ewigkeit) zu bleiben.

Die Antwort des katholischen Geist­lichen weist aber auf die neutestament­liche Sicht der wieder­holten Erdeleben: Wir haben dadurch die Möglichkeit die Nach­folge Christi in immer neuen Leben mehr und mehr zu ver­wirkli­chen und mitzuarbeiten an der Erlö­sung der Kreatur (Röm. 8,19–24).

Wenn Christus uns auffordert (Joh. 13,34): «Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr einan­der liebet, wie ich Euch geliebt habe…» oder (Math. 5,48) «Darum sollt ihr vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel voll­kommen ist.» – muss man sich dann nicht wün­schen, daß man an diesem Ziel immer wieder arbeiten kann?

Vergebung der Sünden und Schicksal

–    Wie verhält es sich nun mit der Ver­gebung der Sünden?

Dazu ein Gleichnis: Ein Vater hat einen Sohn. Dieser Sohn ist ein Taugenichts – ein «verlorener Sohn». Für jede Untat des Sohnes schlägt nun der Vater einen Nagel in die Tür. Schließlich ist die Tür so vernagelt, daß kaum noch Platz für wei­tere Nägel vorhanden ist. Da bekehrt sich der Sohn und be­schließt alles wie­der gut zu machen. Der Va­ter zieht nun für jede gute Tat des Sohnes einen Nagel wieder aus der Tür heraus. Und der Sohn bleibt be­ständig: es kann der Vater tatsächlich alle Nägel aus der Tür wie­der herausziehen. Aber die Tür ist durch­lö­chert. Sie bleibt beschädigt, trotz aller guten Ta­ten des Sohnes.

So ist es auch mit un­seren «Sünden», durch sie werde nicht nur ich schlech­ter, sondern auch die Welt. Wenn ich nun versu­che, das began­gene Unrecht wieder gut zu ma­chen, so ist ja doch nicht zu leugnen, daß durch meine Taten dennoch die Welt schlechter ge­wor­den ist. Für die Tilgung dieser Fol­gen kann Chri­stus aufkom­men, wenn man die Verbin­dung mit ihm sucht.

Ein zweiter Aspekt der Sündenver­gebung liegt darin, daß das Schicksal, wenn es durch den Chri­stus geordnet wird, immer Entwicklungskräfte in sich trägt. Das kann be­deuten, daß be­stimmte Taten der Ver­gangenheit keine direkten Folgen in der Zu­kunft haben müssen. Das ist auch der Grund, daß die neutesta­mentliche Anschauung des Schicksals nicht nur leeres Gerede ist: Wer mehr und mehr lernt, sich als Mitar­bei­ter dem Christus zur Verfügung zu stellen, wird sehen, wie sich auch der Charak­ter seines Schicksals ändern wird. (Vgl. auch S. 15 ff)

Warum aber vergibt der Christus nur denen die Sünden, die an Ihn glauben? (vgl. z.B. Mark. 4.12) Müsste man nicht erwarten, dass Er allen Menschen ihre Sünden vergibt, so wie wir das doch auch tun sollen?

Wenn der Christus das tun würde, d.h. wenn der Mensch nie die Folgen seiner Taten zu verantworten brauchte, wie sollte sich er sich dann weiter­entwickeln können? Gerade die Schuld ist ja der Antrieb, an sich zu arbeiten, um die Nachfolge Christi antreten zu können. Indem aber der Mensch zum Christus ein Verhältnis sucht, an Ihn glaubt, beginnt er eine innere Entwicklung. Diese Entwicklung kann den Menschen zum gleichen Ergebnis führen, wie die Entwicklung durch das Ausgleichen der Schuld, ohne allerdings erst das Schicksal des nächsten Lebens abwarten zu müssen.

 Gibt es eine letzte Verkörpe­rung?

–    Wenn ein Mensch sich immer weiter zu sei­nem Besten entwickelt, muß er sich dann ewig wieder­ver­kör­pern?

Hier unterscheidet sich die abend­ländische An­schaung deut­lich von der morgen­ländischen: Im Osten wird die Wiederver­körperung als eine Last empfun­den, aus der man möglichst aus­brechen möchte, um in der geisti­gen Welt zu bleiben, und vor der Wiederkehr des ewig Gleichen bewahrt zu wer­den. Im Abendland dagegen ist das Ver­ständnis der wie­derholten Erden­leben mit dem Entwicklungsge­dan­ken ver­bun­den. Es ist nicht das ewige Kreisen ohne Ende, sondern der kreisenden Bewe­gung ist eine Fortentwicklung überla­gert: eine Schrau­benbe­wegung in die Zu­kunft. So wie­derholt sich in je­dem Le­ben Geburt, Kindheit, Reifeal­ter usw. und dennoch sind die Verhältnisse von Leben zu Le­ben sehr verschie­den. Ja man kann sogar sa­gen, eine neue Verkörpe­rung wird erst sinnvoll, wenn sich die Erdenverhält­nisse ge­nügend gewandelt ha­ben.

Aber auch die Erde wird sich ent­­wickeln, sodaß Zeiten kommen, in denen sich die Menschen nicht mehr wie­der­verkörpern werden. (Vgl. Rudolf Stei­ner: Geheim­wissen­schaft im Umriß, s. S. 15) Aller­dings läßt sich an unse­rem Grad der «Vollkommenheit» wohl able­sen, daß das noch nicht so bald sein kann.

–    Und wenn ein Mensch diese Voll­kommenheit schon viel früher er­reicht?

Wenn er wirklich voll­kom­men ist, dann könnte er z.B. diese Vollkommen­heit ei­nem anderen zur Verfü­gung stel­len und selbst des­sen Schicksal auf sich nehmen, um ihm einen neuen An­fang zu ermöglichen.

Schicksal und Freiheit

Schon im Wort Schicksal liegt ein Verhältnis der Seele (Schicksal) zu dem, was sie trifft, was ihr ge­schickt wird (Schicksal). In diesem Sinne finden wir die Ereignisse vor und können sie im Moment nicht selbst bestimmen oder ihnen ausweichen. Hier gibt es also keine Frei­heit, sondern es vollzieht sich Notwendigkeit.

Nun arbeiten wir den Plan der Ereig­nisse aber selbst mit aus­ (vgl. S. 7). Damit sind wir in einer ähnli­chen Lage, wie einer, der sich ein Haus baut und sich damit «unfrei» gemacht hat, indem er nun in sein Haus auch einzieht.

Das ist aber nur die eine Seite. Man kann doch beob­achten, wie das Schicksal uns nur in eine Situation hineinführt. Daß aber dann ganz of­fen ist, was wir daraus machen. Hier liegt die Möglichkeit zum freien Handeln: Mein Schicksal stellt mir durch die Le­bensitutation eine Frage. Wie ich diese Frage be­antworte, liegt nicht vor­her fest. Je nach dem, wie meine Antwort ausfällt, wer­den sich die nächsten Er­eignisse einrichten.

Eine ty­pi­sche Situation dafür ist eine Hei­rat: Die Zu­sammenfüh­rung ge­schieht aus Schicksalskräften (öfter auch da­durch, daß ein Kind Eltern ha­ben will, vgl S.14), die Ehe ist aber davon abhängig, wie beide gemeinsam miteinander weiterleben und aneinander arbeiten wollen.

Hier liegt auch eine Gefahr der An­schauung der wiederholten Erdenleben: Man­che Ehe zerbricht, weil einer der Beiden sagt: Jetzt erst habe ich den Men­schen ken­nen gelernt, den ich vom Schicksal her hätte heiraten sollen. Daß das ein Irrtum ist, zeigt schon die einfa­che Erfahrung: Man begnet im Leben u.U. meh­reren Menschen, die man hätte heiraten können. Die Kunst besteht doch darin, zu diesen Menschen eine Beziehung aufzubauen, ohne daß dadurch die Schicht der Ehe ge­fährdet wird.

Eine dritte Seite dieses Themas sind die freien Taten, die ihrerseits Schicksal schaffen: Wenn wir aus freier In­itiative heraus et­was machen, was nur dadurch in die Welt tritt, daß wir das aus ei­genem Ent­schluß ausfüh­ren, aber nicht weil uns ir­gend etwas dazu nötigt, dann sind dies Taten, die sich nicht aus dem vergan­genen Schicksal ergeben. Sie werden erst in der Zukunft Schicksal zur Folge haben.

Insofern können wir unterscheiden: wir werden einerseits in eine Situation geführt, an deren Ausgestaltung wir vor der Geburt mitgearbeitet haben. Wie wir in dieser Situ­tation han­deln liegt noch nicht fest. Andererseits können wir auch handeln, ohne daß für diese Handlung eine Schick­salsnot­wendigkeit vorliegt.

Schicksal und Seelenpflege­bedürftige

Bisher bin ich immer davon ausge­gangen, daß je­der sein Schicksal als Prüfung auffassen und daran arbeiten kann. Aber das ist ja für kei­neswegs für alle Menschen der Fall.

–    Wie liegen die Verhältnisse nun, wenn ein Mensch in diesem Sinne nicht in der Lage ist an sei­nem Schicksal zu arbeiten?

Denken wir etwa an einen Men­schen, der das Schicksal hat, als Mon­goloider auf die Welt zu kommen, der also auf die Liebe und Unterstützung seiner Um­gebung ganz und gar ange­wiesen ist.

Hier kann ein Hinweis Rudolf Stei­ners hilfreich sein. Er fand bei seinen geisteswis­senschaftli­chen Untersu­chungen bei be­deutenden Persön­lichkeiten frühere Verkörperun­gen oft sog. «Trottel»-Verkörpe­rungen, also Verkör­perungen (Inkarnationen), bei der die Indivi­dualität in dem betreffenden Le­ben ganz auf den Schutz der Um­gebung an­gewiesen war. Da­durch konnte sich dieser Mensch mit den Liebe-Kräften sei­ner Um­gebung «imprägnieren». In der Zeit zwischen Tod und neuer Ge­burt, wurden dann diese Kräfte in Fä­higkeiten umgewandelt, die nun dem Mensch­heits­fort­schritt dienen kön­nen.

Daher wird in der anthroposophi­schen Heil­päd­agogik versucht, die Seelenpflege Bedürfti­gen mög­lichst intensiv in einer solchen liebe­vollen At­mosphäre zu betreuen. Und oft wird dort die Erfahrung geschil­dert, wie in einem ganz eigentümlichen Leib im­mer wieder ein Wesen durchscheint, das  solche Zukunfts­hoffnungen stärkt.

Von diesem Gesichtspunkt aus ist es für das sich so verkörpern wollende Wesen eine aus­serordentli­che Tragik, wenn ihm seine Inkarna­tion durch eine Ab­treibung ver­wehrt wird. Die Ab­trei­bung  erbkranker Kinder richtet in die­sem Sinne grosses Unheil an. Über­haupt  wird durch eine Abteibung ein Jahrzehnte langer Prozeß der Vorberei­tung einer Inkarnation zu­nichte ge­macht, der die sich verkörpern wol­lende Seele zwingt, kurzfristig nach ei­ner anderen für sie viel ungün­stigeren Möglichkeit der Verkör­perung su­chen zu müssen.

Warum müssen so viele Kinder sterben?

Diese Frage ist sehr schwer zu be­antworten, den­noch sei hier ein Versuch ge­wagt, der vielleicht etwas Licht auf dieses Gebiet werfen kann.

Wir haben bisher nur das persönli­che Schicksal betrachtet. Neben dieser Schicht gibt es aber auch Schichten, in die das individuelle Schicksal eingebet­tet ist: Schick­sal in das ganze Men­schengruppen ver­woben sind, z.B. Völ­kerschicksale (etwa das Schicksal der Ju­den und Deutschen) darüberhinaus gibt es auch Schicksal, daß durch eine bestimmte Zeitepoche ge­prägt wird und die ganze Menschheit betreffen kann. In diese Schicht gehört beispielsweise der Ma­terialis­mus der Gegenwart. Seine Auf­gabe, die Menscheit mit der Erde zu verbinden («Machet euch die Erde un­ter­tan») hat er erfüllt, dennoch ist er dadurch nicht über­wunden.

Wenn man nun versucht, die Kräfte zu skizzieren, aus denen der Materia­lismus mit seiner Erkenntnisme­thode der Analyse groß geworden ist, so zeigt sich, daß hier mit Kräften gearbeitet wird, die in der Natur immer dann wirk­sam werden, wenn Tod und Vergehen eingeleitet werden. Das zeigt sich z.B. daran, daß man die Struktur, das Gerüst etwa eines Buchenblattes am besten sehen kann, wenn es im Herbst verwelkt ist. In seiner Bildungsphase im Frühjahr sind nicht die Einzelheiten maßgebend, sondernd das Blatt entfaltet sich aus einem ganzheitlichen Prozeß. so stehen Synthese (im Bilden und Wachsen) der Analyse (im Verwelken und Zerfallen) gegenüber.

Auch das klare Wachbewußtsein des Menschen beruht auf solchen Zerfallsprozessen. Deshalb können wir nicht beliebig wach bleiben, sondern suchen im Schlaf Prozesse auf, die die leibliche Grundlage des Bewußtseins wieder aufbauen.

Nun würde das menschliche Be­wusstsein durch die Anwendung dieser analyti­schen Kräfte auf lange Zeigen gesehen immer mehr selbst diesen Kräften unterworfen und sklero­tisieren. Das hätte zur Folge, daß eine fruchtbare Weiterent­wicklung der Menschheit in Frage ge­stellt würde, weil alle für eine Weiterentwicklung notwendigen Lebens­kräfte verdor­ren müssten.

Damit dieses Verdorren nicht eintritt, wird ein gros­ses Maß an Lebenskräften ge­braucht. Diese Kräfte werden frei, wenn Kinder früh sterben, weil sie ihre Le­benkräfte in ihrem kurzen Leben nicht verbrauchten. Dadurch wird ein Über­handnehmen der «Menschheits­skle­rose» eingedämmt. Unsere mate­rialistische Kultur lebt ge­wisser­massen auf Kosten der früh ster­benden Kinder.

Das lässt sich auch innerhalb der Wirtschaft wie­derfinden: Der reiche Norden lebt seine materialisti­sche Überflussgesellschaft auf Kosten des Südens, wo Hunger und Armut zu hoher Kindersterblichkeit führt.

Selbstmord

Vom Gesichtspunkt der wiederhol­ten Erdenleben gibt es kaum eine grös­sere Illusion, als zu glauben, man könne durch Selbstmord seinem Schicksal ent­gehen. Im Gegenteil: Auf den Selbstmörder kommt nach dem Tode mit der ganzen Kraft seines nun nicht mehr ausgeleb­ten Schicksals der Vorwurf zu, Götterwerk zunichte gemacht zu haben. Denn es waren ja hohe geistige Wesen, die mit uns zusammen vor diesem Leben unser Schicksal gestaltet haben.

Lindern kann man seine Qualen, wenn man in liebevollen Gedanken sich mit ihm verbin­det. (Sprüche, die für eine solche Verbin­dung hilfreich sein können: s.S. 15).

Zunahme der Weltbevölkerung

–    Wo kommen die Seelen her, wenn die Weltbevöl­kerung zunimmt?

Auch diese Frage ist sehr schwer zu beantwor­ten, denn ei­nerseits ist das Jahrtausendende eine Zeit, die viele miterleben wol­len. Dadurch verkür­zen sich ge­gen­wärtig die Abstände zwi­schen zwei Verkör­perun­gen, die sonst nach Jahr­hunderten zählen. Anderer­seits gibt es auch sog. junge Seelen, d.h. Seelen, die erst auf ver­hältnismäs­sig sehr wenige Verkörperun­gen zu­rückblicken. Bei­des führt zu einer Zu­nahme der Erdbevölkerung. Wie sich das weiterentwickeln wird, ist schwer vor­her­zu­sa­gen. Rechnerisch ist zwar ein stark zuneh­mendes Wachstum der An­zahl der Men­schen auf der Erde vorher­sehbar. Wie weit aber die Erde selbst diese Entwicklung ermöglichen wird, ist eine offene Frage. So stellt sich etwa die Frage: kön­nen alle Menschen er­nährt werden?

Wie kommt man zur Erfahrung
der frü­heren Er­denleben?

Bisher habe ich nur Erlebnisse be­schrieben, die hinweisen können dar­auf, daß es wieder­holte Erden­leben gibt.

–    Gibt es aber auch eine unmittelbare oder wenig­stens mittelbare Erfah­rung eige­ner früherer Er­den­leben?

Um solche rein geistigen Erfahrun­gen machen zu können, bedarf es einer Schu­lung, durch die sich die (geistigen) Wahrnehmungs­organe bil­den, die dann diese Erfahrungen ver­mitteln können. Eine Einführung in einen solchen Schulungs­weg ist in den Schriften Ru­dolf Stei­ners gegeben (vgl. Wie er­langt man Er­kenntnisse höhe­rer Welten? s. S. 15). Dort ist be­schrieben, wie man mit Hilfe von Meditations­übungen diese Organe ausbil­den kann. Wie eine unmit­telbare Erfah­rung selbst aus­sehen kann, ist im zweiten Myste­riendrama «Der Hüter der Schwelle» (s.S. 15) von Ru­dolf Steiner be­schrieben.

Diese Übungen führen auch dazu, aufmerk­samer auf die Ereignisse des Lebens zu schauen. Wenn man ausser­dem die Gesetzmäs­sigkeiten des Schicksals (Karma) in der Literatur studiert und sich unter diesem Ge­sichtspunkt eine gute Ge­schichtsan­schauung an­eignet, dann darf man dar­auf hoffen, wenn man wirklich ernst­haft an die­sen Fragen arbeitet und nicht nur aus Neugier, daß dann das Schick­sal einen so führt, daß ihm Ereignisse be­gegnen, die ein Licht auf die eigene Vergan­genheit werfen kön­nen.

Aller­dings ist für die Arbeit auf die­sem Felde ein ge­sundes Mißtrauen ge­gen die eigenen Wün­sche erforderlich. Zu gern möchte man doch in der Ver­gan­geheit et­was Beson­deres gewesen sein. Und Wün­sche können auf die­sem Gebiet die gleiche Wir­kung haben wie Projektio­nen in der Psychologie: Man sieht, was man wünscht. Nur hat das mit der Wirklichkeit we­nig zu tun.

Wenn man nun tatsächlich meint, sich für die Wiederverkörperung einer bedeutenden Persönlich­keit der Vergangenheit halten zu müssen, so kann man das u.U. daran prüfen, ob man demgegenüber Scham empfindet, dieser Vergangenheit im gegen­wärtigen Leben nicht genügend gerecht geworden zu sein. Wenn diese Scham nicht auftritt, dann sollte man den Verdacht auf eine Wunschvorstellung streng prüfen.

Ein unbe­irrbarer Wahrheitssinn ist jedenfalls eine not­wen­dige Vorausset­zung für solche For­schungen.


Weiterführende Literatur

Über Rudolf Steiner:

Friedrich Rittelmeyer: Meine Le­bensbegeg­nung mit Rudolf Steiner

Grundwerke der Anthroposophie:

Rudolf Steiner, Wie erlangt man Er­kenntnisse hö­herer Welten, Dornach 1982, Bibl.-Nr. 10

Rudolf Steiner, Theosophie, Dornach 1978, Bibl.-Nr. 9

Rudolf Steiner, Geheimwissenschaft im Umriß, Dornach 1981, Bibl.-Nr. 13

Über Wiederverkörperung und Schick­sal:

Rudolf Steiner, Vier Mysteriendramen, Dornach 1981, Bibl.-Nr. 14

Rudolf Steiner, Reinkarnation und Karma, Dornach

Rudolf Steiner: Offenbarungen des Karma, Dornach 1975 Bibl.-Nr. 120

Rudolf Steiner, Esoterische Betrach­tungen kar­mi­scher Zusammen­hänge, I-VI, Dornach 1975-1981, Bibl.-Nr. 235-240

Über die Verbindung zu den Toten:

Rudolf Steiner: Unsere Toten, Dornach 1963, Bibl.-Nr. 261

Rudolf Steiner: Verbindung zwischen Lebenden und Toten, Dornach 1984, Bibl.-Nr. 168